Freundschaft ist ... bunt!
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Freundschaften im Wandel

Wir alle haben Freunde. Manche davon kennen wir persönlich, vielleicht schon seit der Schulzeit – manche eher flüchtig durch soziale Medien und andere Kommunikationskanäle. Heutzutage sind wir immer erreichbar, dadurch flexibel und ständig mit unseren Freunden in Verbindung. Das war aber nicht immer so. Unsere Ideengeberin Lou hat sich darüber Gedanken gemacht, wie sich Freundschaften im Laufe der Zeit entwickelt haben.

Ich warte vor dem Einkaufszentrum und schaue auf die Uhr – dann zücke ich mein Handy und öffne WhatsApp. „Du bist schon 5 Minuten zu spät, wo bleibst du?“, schreibe ich. Kurz danach die Antwort: „Ich bin auf dem Weg.“ – So eine Situation hatte bestimmt jeder von uns schon mal. Aber was wäre, wenn wir kein Smartphone und kein mobiles Internet hätten? Was wäre, wenn unsere Freunde nicht permanent für uns erreichbar wären?

Man muss sich also fragen, welche Rolle unsere Umwelt, die Gesellschaft und die Technik beim Thema Freundschaft spielen. Wie sah es früher aus und was ist heute anders? Im Laufe der Zeit, bis hin zu unserer Generation hat sich vieles verändert.

Persönlicher Kontakt vs. soziale Medien?

Vor einigen Jahrzehnten waren die einzigen Möglichkeiten, Kontakt mit seinen entfernt lebenden Freunden aufzunehmen, ein teures Telefonat oder ein Brief – der meist wochenlang unterwegs war. Bei Verabredungen musste man sich auf den anderen verlassen können, da es keine Möglichkeit gab kurzfristig abzusagen.

Heute sind wir mit den unzähligen Social Media-Kanälen immer auf dem aktuellsten Stand (selbst ohne aktiv den Kontakt zu suchen) und haben verschiedenste Möglichkeiten jemanden zu erreichen: per Anruf, Facebook, Whatsapp oder auch über E-Mail. Kommunikation ist dadurch viel schneller und vor allem einfacher geworden. Freundeskreise haben sich im Laufe der Zeit von einer Hand voll Personen, über Dutzende, bis hin zu Hunderten vergrößert. Aber sind diese „Freundschaften“ dadurch auch oberflächlicher und distanzierter?

Wenn wir einen Blick weit zurück in die Antike oder das Mittelalterwerfen, stellen wir fest, dass Freundschaften in Europa offiziell nur zwischen Männern bestanden. Es gab den weit verbreiteten Glauben, dass Frauen zwar genauso zuneigungsfähig wie Männer seien,  sich allerdings nicht geistig austauschen könnten. Diese Ansichten sind heute natürlich weit überholt – auch wenn sich Freundschaften zwischen Frauen von denen zwischen Männern doch unterscheiden, oder?

In Frauenfreundschaften sind besonders die emotionale Unterstützung, Wärme und Verständnis wichtige Werte. Während Frauen sich treffen, um miteinander zu reden, scheinen Männer immer einen Grund vorschieben zu müssen: man trifft sich dann zum Beispiel, um gemeinsam Fußball zu gucken. Freundschaften zwischen Frauen und Männern sind erst seit dem 20. Jahrhundert mehr oder weniger akzeptiert. Durch den Wandel der Geschlechterrollen im Allgemeinen entsteht aber immer mehr eine Gleichheit, die gegengeschlechtliche Freundschaften stärkt.

Kann jeder dein Freund sein?


Der Kulturwissenschaftler Geert Hofstede aus Holland erklärt Freundschaft mit verschiedenen Ebenen. Die Symbol-Ebene umfasst zum Beispiel die Sprache und Kleidung. Die zweite Ebene – die Ebene der Helden – beinhaltet Politiker, Künstler und Religionsstifter, die die Freunde gemeinsam schätzen. Die dritte Ebene bezieht sich auf Rituale, also zum Beispiel, wie man einander grüßt. Die Werte-Ebene ist für viele die wichtigste: Ehrlichkeit, Offenheit, Vertrauen, Treue, Zuverlässigkeit, Respekt und Toleranz zählen für viele dazu. Es gibt ein paar Grundwerte wie Ehrlichkeit und Vertrauen, die relativ unabhängig von der Zeit oder der Kultur sind. Werte wie Toleranz und Treue finden manche sehr bedeutsam während andere mehr auf eine gemeinsame politische Meinung oder Religion achten.

Interkulturelle Freundschaft ist etwas, dass sich nicht nur viele Menschen wünschen, sondern auch politisch im Rahmen der europäischen Union  angestrebt wird. Unsere Großeltern und Urgroßeltern wuchsen noch in Zeiten des ersten und zweiten Weltkrieges auf, in denen in ganz Europa – neben dem Antisemitismus – eine allgemeines Misstrauen gegen Fremde herrschte. Wir sind heute dem Ziel der interkulturellen Freundschaft definitiv näher als früher, aber haben wir es tatsächlich schon erreicht?

Wie eine Familie?

Was man mit seinen Freunden unternimmt, kommt ganz darauf an welche Interessen man teilt. Manche machen gerne Sport zusammen und anderen setzen sich lieber in ein Café und unterhalten sich über die neusten Ereignisse. Früher war das ähnlich, schließlich will niemand etwas unternehmen auf das er keine Lust hat. Trotz allem gibt es heute durch verbesserte Mobilität und zahllose Freizeit-Angebote natürlich viel mehr Möglichkeiten. So kann man heute beispielsweise Freunde besuchen, die mehrere hundert Kilometer weit weg wohnen – das war vor zwei-drei Generationen alles andere als selbstverständlich.

Durch das Internet und soziale Medien muss man sich heutzutage aber auch nicht mehr unbedingt persönlich treffen, um zu erfahren wie es dem anderen geht und was er so treibt: für uns normal, für unsere Großeltern unvorstellbar. Ist das vielleicht auch der Grund warum ältere Menschen denken, dass unsere Generation etwas „falsch“ macht? Aber ist das nicht von Generation zu Generation immer so?

Dass Freundschaften heute eine andere Bedeutung zugeschrieben wird als früher, kann man gut an der Entwicklung von TV-Serien erkennen: "Eine schrecklich nette Familie" oder "Die Bill Cosby Show" (beide aus den 80er- und 90er-Jahren) drehen sich ganz und gar um das Familienleben. Freunde tauchen nur am Rande auf. Heute sind Serien wie "Friends" oder "How I Met Your Mother" sehr beliebt, in denen der Freundeskreis die Hauptrolle spielt und das wichtigste soziale Umfeld darstellt. Grund dafür ist möglicherweise, dass wir durch die wachsende Mobilität unabhängiger werden und häufig auch früh und weit von zu Hause wegziehen, sodass die familiäre Unterstützung etwas in den Hintergrund rückt.

Es hat sich also einiges verändert: wir schließen heute viel mehr und schneller Freundschaften als früher. Wir sind flexibler dank neuer Technologien – auch bei Freundschaften. Frauen und Männern und auch Menschen mit unterschiedlichen Kulturen werden immer öfter zu Freunden. Ihr könnt ja mal eure Großeltern fragen, was Freundschaft für sie früher bedeutete und dann damit vergleichen, wie ihr eure Freundschaften wahrnehmt. Ihr kommt mit Sicherheit noch auf mehr Unterschiede – und Gemeinsamkeiten.
 

Text: Lou A. Godvliet


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