Erfindungen

Bundespreisträgerakademie: Ein ganz besonderer Spirit

„Wer hierher kommt, soll wohnen, schlafen, essen und arbeiten. Am besten über mehrere Tage.“, so Ingo Mertins, Jugendbildungsreferent und stellvertretender Direktor des Scheersbergs. Hierher, das ist die Internationale Bildungsstätte Jugendhof Scheersberg und mit „arbeiten“ ist in diesem Falle das kreativ sein gemeint. Zum Abschluss der 48. Wettbewerbsrunde treffen sich hoch im Norden rund 40 Nachwuchskünstler, die Bundesssieger des „jugend creativ“-Wettbewerbs, um sich eine Woche unter Anleitung von erfahrenen Experten in verschiedenen Werkstätten kreativ auszutoben. Unsere Autorin Anita war dabei.

Von Anita Schedler

Schon bevor ich ankam, hörte und las ich allerorts vom berühmt-berüchtigten Scheersberg-Spirit. Hier sei besonders spaßiges und gleichzeitig produktives Arbeiten möglich. Es läge so eine besonders ansteckende Stimmung von Ausgelassenheit, Kreativität und Schaffensdrang sowie einem ja fast familiären Miteinander in der Luft. Gespannt reise ich also wenige Tage nach den Gewinnern an und mache mich selbst auf die Suche danach.

 

Wassermelone hilft beim Denken
Die jungen Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind in den wenigen Tagen bereits zu einer eingeschworenen Gruppe geworden. Es ist ein sommerlich warmer Abend und so stellt sich auch bei mir dank der ausgelassenen Stimmung beim Grillen und Lagerfeuer augenblicklich ein entspanntes Freizeitgefühl ein.

Trotzdem steht hier nicht nur Spiel und Spaß auf dem Programm. Wie viel und wie engagiert hier gearbeitet wird, das zeigt sich mir gleich am nächsten Morgen. In fünf Werkstätten von Malen und Zeichnen, der Gestaltung eines Pop-up-Buches, Fotografie bis hin zum Erzählen einer Geschichte in Filmbildern oder in einem Trickfilm, ist hier für jeden Geschmack und jedes Talent etwas dabei. In der Filmwerkstatt beispielsweise ist gerade eine Besprechung. Welche Requisiten werden gebraucht? Welche Szenen werden wann gedreht? Brauchen wir noch Schauspieler? Die jugendliche Gruppe berät sich eingehend mit ihren Werkstattleitern, die ihnen dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen. „Imagine“, also „Stell dir vor“ ist das diesjährige Thema der Sommerakademie und unter diesem  Motto soll hier bei den Filmemachern eine Traumsequenz filmisch umgesetzt werden. Und damit alles so real wie möglich wird, wird sogar noch am späten Abend und in der Nacht weitergedreht. Ich bin beeindruckt von dem Engagement. Noch während der Besprechung kommt ein Mitglied der jungen Filmcrew mit aufgeschnittener Wassermelone herein. „Denkmelone“ ruft eine Kollegin, sie helfe beim Denken. Wahrlich, bei diesem heißen Sommerwetter gibt es keinen passenderen Snack als frische Melone.

 

Fleiß und Einsatz in jeder Werkstatt
Auch bei den Trickfilmern wird eifrig gearbeitet und gewerkelt. Stadt- und Naturlandschaften werden gemalt, ausgeschnitten und anschließend durch das Bild geschoben. Von jeder kleinen Bewegung wird dann ein Foto gemacht. All diese einzelnen Bilder ergeben am Ende einen kurzen Film. Bei dieser minutiösen Arbeit muss jedes Detail stimmen. Die jungen Fotografen experimentieren derweil in der Fotowerkstatt mit verschiedenen Kameras: der Lochkamera, dem Vorläufer und Prototyp jeder Fotokamera, Polaroid- und Spiegelreflexkameras. Ach ja, die topmoderne Handykamera ist natürlich auch dabei. Ein technischer Schnelldurchlauf durch die letzten 200 Jahre der Fotografiegeschichte.

 In der Pop-Up-Buch-Werkstatt werde ich von dem achtjährigen Dean gleich freudig begrüßt: „Hier kann man ganz viel lernen!“ erklärt er mir freudestrahlend. Er arbeitet an einem riesengroßen Buch, bei dem auf dem Cover in großen grünen Lettern „Universum“ steht. Bei den älteren Gruppenmitgliedern sind die Gebilde teils sehr fragil und erinnern an moderne, architektonische Großstadtarchitektur. Damit sich beim Auf- und Zuklappen der Seiten auch alles korrekt zusammenfaltet, stehen Andreas Wendt und Roland Meinel, beide Kunstpädagogen und Künstler, ihren Schützlingen stets zur Seite. Diese intensive Betreuung, die ich in allen Werkstätten beobachten konnte, trägt ganz besonders zu dem kreativen Klima auf dem Scheersberg bei. Bjarne, 18 Jahre, aus der Maler-Werkstatt gefällt diese konzentrierte und kreative Stimmung auf dem Scheersberg. „Man ist produktiver als sonst.“

 

Die eigene künstlerische Sprache finden
Jeder kann hier seine persönliche künstlerische Ausdrucksweise finden, die Kinder und Jugendlichen haben alle Möglichkeiten und dazu Experten an ihrer Seite, die sie anleiten, ihnen Orientierung und Input geben und ihre Erfahrungen teilen. Diese einzigartige Mischung bildet einen wunderbaren Nährboden für künstlerisches Schaffen, das ist hier an allen Ecken und Enden spürbar, so auch bei der Malergruppe. Hier stellt Kunstpädagogin und Werkstattleiterin Janina Arlt zu Beginn verschiedene Beispiele aus der Kunst vor, erklärt deren Hintergrund und natürlich auch die künstlerischen Methoden. Anschließend probieren die jungen Picassos und Pollocks diese Techniken für sich aus. Farbe auf das Papier spritzen und tröpfeln lassen oder ein Stück Spitzenstoff auf den Bildträger legen und diesen dann mit Sprayfarbe besprühen, das alles erzeugt überraschende Effekte. Manches gelingt dabei, manches verbleibt im Versuchsstadium. Auch das gehört zum Künstlerleben dazu. Ausprobieren, umändern, verwerfen und wieder neu anfangen. Die Kunst ist ein Haufen Arbeit, heißt es allgemeinhin und da ist etwas Wahres dran.

 

Der Spaß kommt nicht zu kurz
Neben der kreativen Werkstattarbeit wird deswegen auch fleißig gechillt: ein Badeausflug an die nahegelegene Ostsee ist da ebenso drin wie der Besuch des Wissenschaftsmuseums Phänomenta in Flensburg. Auf einem Open-Stage-Abend werden schließlich beeindruckende bis kuriose Talente vorgestellt, von Verrenkungen bis hin zu gefühlvoller Poetry und selbstkomponierten Klavierstücken. „Die Teilnehmer der Sommerakademie haben nicht nur ein Talent. Sie können sehr viel. Das ist beeindruckend.“, so Simone Klar, Medienpädagogin und Assistentin in der Trickfilmwerkstatt. Den spannenden Abschluss bildet die Vorstellung zweier hochprämierter Animationsfilme von Kollege und Werkstattleiter Thomas Stellmach. Für seine Animation „Quest“ gewann er 1997 sogar einen Oscar. Gebannt lauschen die jungen Künstler seinen Erzählungen und stellen Fragen. Auch das gehört zum Scheersberg-Spirit, diese ganz eigenen, besonderen Erlebnisse gibt es nur hier.

Und mit diesen Eindrücken gehen für mich aufregende Tage hier auf dem Scheersberg zu Ende. Und auch wenn ich die Abschluss-Präsentation, auf die alle hinarbeiten und auf der alle hier produzierten Kunstwerke am Ende stolz präsentiert werden, leider nicht mehr mit ansehen kann, bin ich mir sicher, dass jeder der jungen Kreativen Einzigartiges geschaffen und erdacht hat. Sie werden abreisen mit neuen künstlerischen Erfahrungen, neuen Freundschaften und bestärkt in dem Gefühl, dass Kreativsein auch ein Beruf werden kann. Das alles ist hier auf dem Scheersberg möglich wie kaum woanders. Dem einzigartigen Scheersberg-Spirit sei Dank.


Auf ein Neues mit Kunst und – Musik

Die nächste Wettbewerbsrunde steht schon in den Startlöchern. Ab dem 1. Oktober heißt es dann nämlich Ohren auf und Pinsel oder Kamera startbereit, denn das neue Wettbewerbsthema heißt „Musik bewegt“. Der 49. „Jugend creativ“-Wettbewerb widmet sich den zahlreichen Facetten von Kunst in Verbindung mit Musik. (*1) Eingereicht werden können wieder Beiträge in Form von Bildern und Filmen. Die Teilnahmeunterlagen und Begleitmaterialien sind in den teilnehmenden Volksbanken und Raiffeisenbanken erhältlich.

Weitere Infos zum Wettbewerb gibt es unter:
www.jugendcreativ.de
www.jugendcreativ-video.de
www.facebook.com/jugendcreativ


(*1 Paul Klee beispielsweise musste sich beruflich zwischen dem Musiker- und dem Malersein entscheiden. Und Wassily Kandinsky erfasste synästhetisch die atonale Musik seines Freundes Arnold Schönberg und brachte sie farbenfroh auf die Leinwand. Auch die Kinder und Jugendlichen nutzen die auf dem Scheersberg vorhandenen Möglichkeiten zum Musik machen bereits ausgiebig. So stellten einige auf einem Open-Stage-Abend ihre zweite Begabung eindrucksvoll und ebenso kreativ unter Beweis.)


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